Im Durchschnitt werden pro Jahr etwa 18 Tonnen Salz von jedem Hektar bewässerten Landes gespült - ungefähr das sechsfache des durchschnittlichen Baumwollertrags. Die Bodenversalzung führte und führt zu Ernteeinbußen. Bei der Baumwolle ist dies seit Ende der 70er Jahre der Fall. Das Salz greift aber auch Gebäude an.

Die durch die zunehmende Versalzung rückläufige Produktivität des Baumwollanbaus in den riesigen Monokulturfeldern veranlasste die sowjetische Wirtschaftsführung zu Maßnahmen, die die Katastrophe für Mensch und Umwelt jedoch verstärkten. Der Einsatz enormer Mengen an Düngemitteln und Pestiziden sollte die Ernteerträge steigern. Jahrelang wurden je Hektar 480-600 kg Dünger (in Deutschland durchschnittlich ca. 330 kg/ha) auf die Baumwollfelder ausgebracht. Pro Hektar wurden bis zu 54 kg Pestizide versprüht (durchschnittlich in der Sowjetunion 1 kg/ha), Pestizide, wie sie die Amerikaner im Dschungelkrieg in Vietnam einsetzten. Entlaubungsmittel wurden eingesetzt, um das Einsammeln der Baumwolle zu erleichtern. Diese hochgiftigen Substanzen wurden selbst dann aus Flugzeugen auf die Felder versprüht, wenn dort Menschen an der Ernte waren.

Heute versprühen die Agrarflieger Pestizide wenigstens nicht mehr während der Ernte. Das gefährliche DDT wurde 1984 offiziell verboten. Aber die Gifte existieren noch: in der Erde und in der Nahrung. Sie verseuchen die Kanäle; sie sind in das Grundwasser und von dort in die Brunnen der Höfe und ins Trinkwasser gelangt. Zu dieser Belastung kommt noch die Verschmutzung durch Industriebetriebe hinzu, die in Tadschikistan oder Zentralusbekistan liegen und ihre giftigen Abwässer in den Amu-Darja leiten, der sie nach Karakalpakstan und in den See schwemmt.

Am stärksten aber sind die Menschen in Karakalpakstan im Epizentrum der Katastrophe betroffen:

  • Die meisten Menschen haben keinen Zugang zu Leitungswasser, und trinken ungefiltert das salzige, verseuchte Wasser aus Be- und sogar Entwässerungskanälen. 68% der Wasserquellen in Karakalpakstan gelten als hochgradig verseucht. (2)
  • Für viele Familien ist die Sicherung der Ernährung das täglich dringlichste Problem. Manche Familien müssen fast ihre gesamten Einkünfte dafür aufwenden. Mehr und mehr Menschen leiden an Mangelernährung
  • Seit der Mitte der 70er Jahre ist die Erkrankungshäufigkeit der Bevölkerung stark angestiegen.
  • 70% der Bevölkerung leiden an verschiedenen Erkrankungen der Atemwege.
  • 948 von 1000 Menschen leiden an Hepatits, 983 von 10.000 an Hautkrankheiten, 97 von 100.000 an Tuberkulose (3), 183 von 100.000 an Krebs (4). Tendenz steigend. (5)
  • Hepatitis, Nieren- und Leberschäden und Typhus treten vermehrt auf.
  • 90% der Frauen in gebärfähigem Alter leiden an Anämie (6). Ihre Muttermilch und Plazenta enthalten Schwermetalle, und Rückstände von DDT und Lindan.
  • 99% der neugeborenen Kinder leiden ebenfalls an dieser Anämie. 72% leiden unter chronischen Atemwegserkrankungen,Darminfektionen oder Blutkrankheiten. (7)
  • In Tachtakupyr werden 40 % der Kinder mit Craniostenose geboren. Diese Kinder sind in ihrer geistigen Entwicklung behindert.
  • Die Kindersterblichkeitsrate zählt zu den höchsten der Welt, in einigen Rajons beträgt sie bis zu 10%.
  1. Es gibt sehr viele Zahlenangaben zu allen Aspekten der Katastrophe. Sie sind schwer zu erheben, unvollkommen und zum Teil auch widersprüchlich oder falsch. Man wird daher an anderer Stelle leicht andere Angaben finden, als die hier gemachten.
    So geben [Letolle , S. 309] an, über 77% der Flächen in Karakalpakstan, 35% in Tadschikistan 35% und 80% in Turkmenistan seien versalzen. Der Weltbank - Report No.17587-UZ, S. 4 gibt 15% für Tadschikistan, 37% für Turkmenistan (als versalzen oder überschwemmt oder beides). Doch ob man nun die höchsten oder die niedrigsten Zahlen nimmt: die Ausmaße sind erschreckend und für die Betroffenen lebensbedrohlich.
  2. International Conference on Sustainable Development of the Aral Sea Basin, Final Report, Nukus 18.-20.9.1995. S. 10 (Angabe Khalid Malik, UNDP Repräsentant in Usb.) Auch hier gibt es viele verschiedene Zahlenangaben. Der Salzgehalt schwankt von Ort zu Ort und Untersuchung zu Untersuchung.
  3. 1960 waren es noch 129 Tuberkulose-Fälle auf 100.000 Einwohner, 1985 jedoch nur 66. In Deutschland gibt es heute etwa 27 Fälle auf 100.000 Einwohner.
  4. 1985 waren es 163.
  5. The Study on Water Supply System in Six Cities of the Aral Sea Region in Uzbekistan, Main Report, Japan International Cooperation Agency, Tokyo Dezember 1996, S. 2-17
  6. In Simbabwe z.B. sind es etwa 60%. Das gilt im internationalen Vergleich als sehr viel.
  7. International meeting on urgent human needs in Uzbekistan, UN, Report, Tashkent 12.-13.1.199