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Mittelasien

Autor: Gero Fedtke

Das einst so exotisch scheinende und unbekannte Mittelasien ist nach dem 11.9.2001 in das Licht der Weltöffentlichkeit gerückt. Häufig ist auch von Zentralasien die Rede, das als eine heterogene Großregion im Herzen der eurasischen Landmasse verstanden werden kann, von der Mittelasien wiederum ein Teil ist. Mittelasien besteht aus den ehemals sowjetischen Republiken: Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgistan. Sie sind alle Anrainerstaaten des Amu-Darja und Syr-Darja, die früher den Aralsee speisten. Anrainerstaat des Amu-Darja ist auch Afghanistan.

Mittelasien ist landschaftlich von Steppen, Wüsten und Hochgebirgen geprägt. Menschen lebten hier von alters her als Nomaden in Steppen und Bergen und als Bauern und Städter in den Oasen. Die Region zählt zu den ältesten Kulturräumen der Welt. Zahlreiche Handelswege, gefasst unter dem Namen Seidenstrasse, durchquerten sie, verbanden sie mit dem Rest der Welt und machten ihre Städte reich. Die Oasen des Südens, im Wesentlichen das heutige Usbekistan, gehörten dem Perserreich und dem Reich Alexanders des Großen an. Im 8. Jahrhundert eroberten Araber dieses Gebiet. Seitdem ist Mittelasien islamisch geworden. Auch die Eingliederung in das mongolische Weltreich Dschingis Chan im 13. Jahrhundert hinterließ tiefe Spuren im Bewußtsein der mittelasiatischen Völker. In seiner Tradition schuf letztmalig Timur (Tamerlan) im ausgehenden 14. Jahrhundert ein Imperium mit Zentrum in Samarkand, dessen Macht über die Region hinaus zu verspüren war. Heute versucht die usbekische Führung, den Amir Timur zu einer nationalen Heldenfigur zu machen. Mit der Eröffnung der Seewege zwischen Europa und Ostasien ab dem 16. Jahrhundert verlor Mittelasien seine Bedeutung für den Welthandel. Politisch zerfiel es in kleinere Herrschaften von nur mehr regionaler Bedeutung und geriet schließlich zwischen die Fronten russischer und englischer kolonialer Expansion. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde Mittelasien Bestandteil des Russischen Reiches und nach der Oktoberrevolution der Sowjetunion.

Erst in der Sowjetunion entstanden mit der sogenannten "nationalen Abgrenzung" 1925 die heute unabhängigen Republiken. Ein wesentliches Interesse der Sowjetführung war es, Mittelasien als Rohstoffbasis zu nutzen. Die Sowjetunion sollte dank mittelasiatischer Baumwolle von Importen unabhängig werden. Die Landwirtschaft wurde kollektiviert, die Nomaden zur Sesshaftwerdung gezwungen. Neue Kanäle wurden gebaut, die Anbauflächen für die Baumwolle vergrößert. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Industriebetriebe aus dem Westen der Sowjetunion auch nach Mittelasien verlagert und bewirkten dort eine erste Industrialisierung. Nach dem Tode Stalins 1953 begann Chruschtschow mit der ersten "Neulandkampagne", in der riesige Steppenflächen erstmals unter den Pflug genommen wurden. Auch Kanalbauten und Bewässerung von Wüstenflächen wurden gesteigert. Diese Politik wurde bis in die achtziger Jahre hinein fortgesetzt. Eine ihrer Folgen ist die Aralseekatastrophe. Das politische Leben der mittelasiatischen Republiken entwickelte in den sechziger und siebziger Jahren eine gewisse Eigenständigkeit. Die jeweiligen Vorsitzenden der Republikparteien regierten wie "rote Khane" ihre Republiken und emanzipierten sich leise von Moskau.

In der Zeit Gorbatschows bildeten sich Volksfronten und andere informelle Gruppen, die Themen wie die Umweltverschmutzung, Aufarbeitung "weißer Flecken" in der Geschichte und eine allgemeine politische und kulturelle Erneuerung in eine öffentliche Diskussion brachten. Vom Zerfall der Sowjetunion wurden die Führungen der mittelasiatischen Republiken eher überrascht. Sie konnten in fast allen Republiken die Macht behalten, nur in Tadschikistan brach ein Bürgerkrieg aus, der bis heute nicht völlig beendet ist. Alle Republiken haben sich "demokratische" Präsidialverfassungen gegeben, doch pflegen die Präsidenten einen autoritären Führungsstil, der in Turkmenistan besonders stark ausgeprägt ist. Menschenrechte gelten allgemein wenig. Mittelasien ist heute in vielem eine Fortsetzung der Sowjetunion in anderem Gewand. Auch das Erbe der ökologischen Katastrophe haben die Republiken übernommen.